Berufsleben

Dicke Haut mit vielen Narben.
Furcht vor Menschen, hohe Mauer.
Fassade in ganz dunklen Farben.
Verborgne Pfeile auf der Lauer.

Lippen, Zungen werden Waffen.
Lächeln, Blicken nie vertrauen
Selbst verwundet nicht erschlaffen.
Reißen dich mit scharfen Klauen.

——————————–
(c) C. Timidus, 2002 und 2015

Published in: on Juli 14, 2015 at 10:01 am  Schreibe einen Kommentar  

Bratislavaer Advent

Erwartet hatte ich diese Laune der Stadt nicht. Ein Ort, den man durch wiederkehrende Besuche ein wenig kennt, dessen Stimmungen man eingefangen hat, zur Vorweihnachtszeit sind die Vorstellungen andere. Bratislava feiert den Advent und das laut.

Trockene Kälte, als ich die Hlavná Stanica, den Hauptbahnhof, verlasse. Die Haut fühlt sich spröde an, ich vergrabe meine Hände in den Manteltaschen, die Lippen spannen. Štefaniková ulica. Die mir vertraute Straße zur Innenstadt läßt nicht darauf schließen wie die Stadt im Advent gestimmt ist. Der übliche Verkehr und ein Präsidentenpalast, dessen Dach- und Fensterkonturen durch Lichterketten in die Nacht leuchten. Vor den linken Palastflügel hat man einen Christbaum gestellt.

Über den Stadtgraben durchs Michaelertor, wo ein Straßenmusiker sein Gitarrenspiel unterbrochen hat, um mit Atem und Reiben seine Hände zu wärmen. Ein paar Schritte weiter spielt eine Ziguenerkapelle. Weihnachtsbeleuchtung in Blau. Im Fluß der Touristenströme zum Hauptplatz, aus dem man einen Weihnachtsmarkt gemacht hat. Gedränge und meine Kamera, die nicht dazu kommt eine Aufnahme zu machen, Es riecht süß nach Punsch, nach Herausgebackenem, würzig, rauchig nach Wurst. Ich werde von den vielen, drängelnden Menschen geschoben, habe kaum mehr Kontrolle über meine Schritte, spüre am Rücken und an den Seiten wie sich an mir Jacken, Mäntel der anderen reiben. Gelächter, Musik, Geruch nach Wein, an die Stände ist kaum heranzukommen. Kunsthandwerk aus Holz und Keramik, Stofftiere, Lebkuchenherzen. Vor dem Alten Rathaus der Christbaum mit weißem Lichterschmuck. Duft von kunstvollen Gebinden aus Seifen und getrockneten Blumen, etwas, das ich in dieser Art noch nie gesehen habe und gerne näher betrachtet hätte, doch die Menge ist umbarmherzig.

Ich umrunde den Platz, gehe in eine Seitengasse. Die Rückseiten der Hütten verstellt mit Fässern, Schläuchen für die Wasserzufuhr, Kabeln, Kisten. Ein paar Schritte weiter in die Seitengasse, der lärmende Hauptplatz eine dumpfe Klangwolke von Stimmen- und Tönen.

Noch dichter als am Hauptplatz wird die Menschenmenge am Hviezdoslavovo námestie, dem sonst so breiten, langen Platz, der diesmal mit Ständen vollgespickt ist. Vor dem Nationaltheater ein Christbaum, ebenfalls mit weißem Licht geschmückt. Auf einer Bühne sing ein Chor in slowakischer Tracht Weihnachtslieder, ich komme nicht durch die Menge, um mehr zu sehen. Eine Gruppe japanischer Touristen bestaunt den Trubel, photographiert Hüte, Hauben und Kapuzen. Popmusik aus dem Lautsprecher eines Standes, der ein Gericht aus Kartoffeln verkauft. Ich drehe um.

Zurück am Hauptplatz, eine bereits angeheiterte Kapelle spielt, die Ziehharmonika verliert den Kampf gegen die lauten Geräusche und Stimmen des Platzes. Ein Pärchen versucht dennoch einen Tanz. Ein Blick auf den Fahrplan. Ich begebe mich zurück zum Michaelertor, höre aus dem Stimmengewirr österreichische Landsleute von mir, Englisch und Ungarisch. Bratislava hat alle eingeladen zum Advent, den die Stadt ausgelassen und laut feiert, möglicherweise mehr für die Gäste als für sich selbst. Warum auch nicht? Die anderen tun es ja auch!

 

(c) C. Timidus, 13.12.2014

Published in: on Dezember 17, 2014 at 8:58 am  Schreibe einen Kommentar  

Bratislava

Im späten März bereits das zarte Grün und Blüten, ein unglaublich blauer Frühlingstag und das Verlangen nach Leben draußen, einem Spaziergang zu frönen, das Erwachen des Lebensgeistes nach dem Winter zu atmen, in anmutiger Umgebung.

Des zögerlichen Überlegens ob des geeigneten Ortes und der dadurch verstrichenen Zeit wegen, fällt die Wahl auf die Hauptstadt der Slowakei. Der Weg zum stetig wachsenden Wiener Hauptbahnhof wird angetreten.

Eine Zugfahrt durch sanfte Landschaft mit vielen Windrädern. Kittsee und Felder. Es dauert ab der Grenze nur ein paar Minuten und man erreicht den Bahnhof Petržalka. Ein weiträumiger Platz, Plattenbauten, Bushaltestellen, Taxis. Fahrpläne, die eingehalten werden, neue Busgarnituren. Linie 80, einen Tag darf ich mit meiner ÖBB-Fahrkarte die öffentlichen Verkehrsmittel in Bratislava benutzen. Mäßiger Verkehr durch die Vorstadt, „Zochova“ pocht es in meinen Gedanken. Ich starre auf die in roten Punkten blinkende Anzeige vorne im Bus, fast hätte ich „Zochova“ verpaßt, da ich mich nicht entscheiden konnte, welcher der Knöpfe am Haltegriff, für den Wunsch auszusteigen gedacht war. Die Tür öffnet sich noch bevor ich mich entschließen konnte, einen dieser Knöpfe zu betätigen und ich bin froh darüber. Ein kreischendes Geräusch und ein rotes Blinklicht gemahnen zum Aussteigen. Ich bin in Bratislava.

Ein Samstag im Frühling. Der Pflichtbesuch auf der Burg, die seit Jahrhunderten über die Stadt wacht. Größer als vermutet breitet sich Bratislava unterhalb der Burg aus, durchflossen von der Donau, deren Gelassenheit das einzig verläßliche in Zeiten wie diesen scheint.

Von der Burg, die „Hrad“ genannt wird, über abenteuerliche Steinstufen ins Stadtzentrum. Auf dem Weg dorthin begegnet mir eine Skulptur, eine Frau mit wallendem Haar, zu der Raben flehend aufblicken.

In der Innenstadt reges Treiben, Fußgängerzonen mit Straßencafés, Restaurants. Eine Gruppe etwas angeheiterter lacht zu Gegröltem in englischer Sprache, ein Kellner blickt betreten zum Tisch und dämpft seine Zigarette im Aschenbecher aus, der auf einem alten Holzbierfaß auf das Ausleeren wartet.

Die barock- und jugendstilverzierten Fassaden und Gesimse, enge Gassen, die in breiten Plätzen münden. Ein bronzener Mann mit Helm klettert aus einem Kanaldeckel, man nennt ihn Èumil, den Glotzer. Der Stadt ist ein frech spritziger Humor zu eigen, der sich in den Fußgängerzonen zu den alten, verspielt verzierten Gebäuden gesellt. Auf ein Fensterbrett hat man einen Mexikaner aus Plastik gesetzt, neben einem Bierlokal steht ein grinsendes Schwein mit einer Kochschürze. Eine Bar hat sogar den gesamten Eingangsbereich als Straßenbahn gestaltet.

Die Cafés und Restaurants haben ihre Schanigärten einer neben dem anderen in den Fußgängerzonen der Altstadt aufgestellt. Klappern von Besteck, Stimmengewirr, beim Zuprosten klingen Gläser. Einige Bars, kühl und postmodern, bunte Cocktails und einzeln an den Tischen sitzende Gäste, die mit Mobiltelefonen und Notebooks beschäftigt sind.

Ein kokettes Augenzwinkern, ein Kichern, mit viel Witz dekorierte Auslagen, es riecht nach Speisen und Bier. Eine Zigeunerkapelle geht von Tisch zu Tisch und bietet den Gästen an, für sie zu spielen. Aus einem Lokal dringen Trommelklänge einer Jazzkapelle. Eine offenbar obdachlose Frau, die vollgestopfte Nylonsackerln in beiden Händen trägt, führt kopfschüttelnd Selbstgespräche.

Viel Englisch ist zu hören an diesem Samstag, Studenten augenscheinlich, japanische Besucher knipsen, Wortfetzen auf Spanisch. Bratislava hat die Welt nur zu Gast, was ihr diese angenehme Leichtigkeit des Seins ermöglicht.

Gelangt man zum Hauptplatz mit dem alten Rathaus, wird die Stadt mondäner, ernster, hier wird sie elegante Hauptstadt, wo nicht gewitzelt wird, sondern flaniert. Am Hviezdoslav-Platz befindet sich das slowakische Nationaltheater, das eigentlich ein Opernhaus ist, das Hotel Carlton, der Platz wird zur mondänen Promenade, großstädtisch klassisch, selbst die mächtigen Bäume. Ich setze mich auf eine Bank, betrachte die Vorbeiflanierenden, der Takt der Stadt nicht zu schnell, aber auch nicht gemächlich, ein wenig erinnert es mich an die Innenstadt Wiens von früher. Ein Weckerl, ein Mineralwasser, gemütlich verzehrt, die Abendsonne färbt die Fassaden rot. Ich setze meinen Spaziergang fort. In der Mostová die slowakische Philharmonie.

Schlußendlich die Donau, sowie die Brücken, die die Innenstadt mit den modernen Bezirken verbinden. Es wird Zeit, einen Bus zu nehmen, diesmal zum Hauptbahnhof (hlavná stanica), entlang der Štefanikova am Präsidentenpalast vorbei. Es ist bereits Nacht. Ich sitze im Zug nach Wien. Englisches Idiom ist neben und hinter mir, ein Schaffner der slowakischen Eisenbahnen kontrolliert meine Fahrkarte, gibt sie mir mit einem humorvollen „dankeschön“ wieder. Eine Stunde und Babylon wird mich wieder erschlagen, aber noch fährt der Zug durch Nové Mesto.

© C. Timidus, März 2014

Published in: on April 3, 2014 at 9:22 am  Schreibe einen Kommentar  

Ungarn – oder die entdeckte Zuneigung zu vertrauter Fremde

Seltsam wie unendlich fremd einem ein Land sein kann und doch auf den ersten Blick dermaßen vertraut. Eine spürbare und nie ausgesprochene Verbundenheit. Möglicherweise deshalb Fahrten dorthin. Österreicher fahren oft und gerne „rüber“, somit bin ich einer unter vielen. Umgekehrt ist es ebenso.

Es war dieser verregnete, kühle Morgen, das viel zu frühe Erwachen für einen Samstag Morgen nach einem schlechten Traum.

Wieder zu lange getrödelt, um den frühen Zug zu erwischen, der nächste erst eineinhalb Stunden später, Zeit, die Kamera nochmals auszublasen und Obst einzukaufen.

Im Regen zur Straßenbahn gegangen, drinnen wenig Fahrgäste. An der größten Baustelle Österreichs, dem neu entstehenden Wiener Hauptbahnhof, ausgestiegen, am provisorisch eingerichteten Schalter die Fahrkarte erworben, 19 vergemeinschaftete Zahlungseinheiten hin und zurück. Damit käme ich innerhalb Österreichs nicht weit.

Ein Fensterplatz, ein Ruckeln, die Wiener Vorstadtbauten ziehen an mir vorbei, ein Wahlplakat von dem ein wächserner Bundeskanzler mit absurd verzerrtem Lächeln Arbeitsplätze verspricht, zischt kurz aus dem Auge. Danach sinnlos farbbesprühter Beton, ferne Lagerhallen, schlußendlich Felder. Keine Kontrollen. Umsteigen in einen ungarischen Zug, der genauso aussieht wie der von der ÖBB.

Burgenland, sanfte Landschaft. Nickelsdorf. Ab da dauert es noch einige Minuten. Wenn der Zug beginnt, ein wenig unsanft über die Gleise zu rumpeln, ist man in Ungarn. Verrostete Grenzscheinwerfer, die gänzlich ihren Zweck verloren haben, der eine Ansage ankündigende Klingelton ändert sich „Hegyeshalom következik“. „Nächster Halt Hegyeshalom“. Der Zug bleibt ein paar Minuten stehen. Ungarische Schaffner steigen ein, beginnen zu kontrollieren. Eine uniformierte Bahnbeamtin pfeift den Zug ab. Bis Györ ist es nicht mehr weit.

Győr

Ein in die Jahre gekommener, grauer Bahnhof, der keinen Wert darauf legt, daß sich Menschen allzulange in ihm aufhalten. Ein paar Kioske mit Zeitschriften und Büchern, Buffets, Preistafeln. Ungarn hat noch eine Währung, kein künstlich übergestülptes, seelenloses Etwas, das als Tauschmittel herhalten muß. Der Bahnhofsplatz. Bedeckter Himmel, dennoch angenehm warm. Das prächtige Rathaus von Györ nur einige Meter weiter weg.

Ich bin zum zweiten Mal hier und gehe schnurgerade in die Innenstadt, Verkehr. Der letzte Rest an ungarischem Geld vom letzten Aufenthalt befindet sich in der Börse. Ein Sandwich und eine Flasche Mineralwasser, unbedingt Photos machen von einem Gründerzeithaus. Diese Stadt ist schön!

Die Schwingung der Stadt ist gemächlich. Nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen. Hektisch herumgewuselt wird anderswo. Kein Babylon weit und breit, bloß österreichische Touristen, sowie ein paar Japaner. Die Stadt hat die Welt nicht bei sich, was sie nicht sonderlich stört und meine Seele salbt. Gerade das „die Welt nicht bei sich zu haben“ bereitet mir ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung. Ich habe erst begonnen Ungarisch zu lernen, Grüßen, die Zahlen von eins bis zehn, bitte und danke. Die Sprachlosigkeit, die mich ausschließt und dieser Ort, der mich allerhöchstens mit einem Achselzucken zur Kenntnis nimmt. Englisch hilft, einige sprechen Deutsch, dennoch stelle ich mir in Gedanken vor, wie es wohl wäre, könnte ich Ungarisch sprechen und verstehen, eine Sprache deren Klang mich in Bann zieht.

Ich lasse mich fallen. Eine Wechselstube, da am Samstag auch hier die Banken geschlossen sind und es für tausende Forint wohl Tabak sein muß, der hier viel weniger kostet. Die Fußgängerzone, ein Straßenfest, Standeln mit Bier und Würsten, Langos in allen Varianten. Ja, ich lasse mich fallen in all meiner Sprachlosigkeit. Vor einer Kirche ist eine Hochzeitsgesellschaft versammelt. Keine Überschwenglichkeit, aber ausgelassene Freude.

Der Szécheny Tér, Geläute der Kirchenglocken übertönt einen Lautsprecher mit Popmusik, der vor einem Stand aufgestellt wurde. Ein großer, weißer Platz, der diesmal ein Straßenfest aufzuwarten hat. Ich begebe mich weg von ihm, gehe durch die Gassen, betrachte die alten Häuser, mache Photos, das Auge wird satt.

Als ich das Zentrum mit den Fußgängerzonen verlasse, hat sich der  Verkehr verdichtet. Ein Fluß von Autos, Bussen und Lastwägen. Ein Abstecher in ein Einkaufszentrum, das allerweltsmäßig blitzblanke Warenangebote zur Schau stellt.

Der Bahnhof, der bereits wartende Zug. Ein letzter Bissen von einem eilig erworbenen Langos.

(c) C. Timidus, September 2013

Published in: on November 8, 2013 at 9:50 am  Comments (1)  

Millenniumsliebe

John lag in tiefem Schlaf. Karla beobachtete ihn, wie sein Brustkorb sich in langsamen Zügen hob und senkte. Sanft strich sie ihm durch das rotblonde Haar. Das Fenster war weit geöffnet. Von draußen kam dumpfe, erdrückende Wärme. Morgen würden sie ihre letzten Stunden zusammen verbringen. John müsse weg, beruflich, für sehr lange Zeit, würde auch nie mehr zurückkommen. Wegen Karla wolle und könne er seine Laufbahn nicht aufgeben, hatte er ihr mehrmals gesagt. Sie hatte während der Nacht keinen Schlaf gefunden.
Bald würde die Sonne aufgehen, der Wecker läuten, den letzten Kaffee würden sie zusammen trinken. Karla stand auf, ging ans Fenster, starrte in den Innenhof, auf die Häuser gegenüber, wo geöffnete Fenster Einsicht in das Leben anderer gewährten. Karla blickte auf die Mauern der Hauses, an der Efeu rankte gegenüber fast bis zum Dach hinauf rankte. Schnarchen war im Hof zu hören. In einer Wohnung brannte bereits Licht. Ein Mann und eine Frau bewegten sich schlaftrunken in Pyjama und Nachthemd zur Zimmertüre und verschwanden. Verkehrslärm drang bereits in den Hinterhof der kleinen Seitengasse.
Karla seufzte, setzte sich auf die Bettkante, nahm das Päckchen Zigaretten aus ihrer Nachttischlade, klopfte mit dem Zeigefinger gegen den Boden der zerknitterten Packung und zog eine leicht verbogene Zigarette heraus. Drei Mal rollte sie mit ihrem Daumen das gezahnte Rädchen des kleinen Plastikfeuerzeuges, bis es endliche eine Flamme schlug. Die qualmende Zigarette fest zwischen Zeige- und Mittelfinger gepreßt, ging sie wieder zum Fenster, lehnte sich hinaus, sog den Rauch ein und staubte die Asche in den Hof.

Ein halbes Jahr hatte ihr Zusammensein gedauert. Oft hatten sie einander nicht sehen können. John war zum Arbeiten von seiner Firma in Amerika nach Wien geschickt worden, verbrachte viele Abende und Wochenenden im Büro. Die Momente, die sie zusammen in Karlas kleiner Altbauwohnung teilten, die Momente, die die glücklichsten ihres Lebens erschienen, all die Gespräche, die Umarmungen, die Küsse und Liebesnächte, sollten ein jähes Ende haben. Der Hinterhof in tiefrotem Licht der aufgehenden Sonne, Vogelgesang.

Karla ging in die Küche, schaltete den Herd ein, stellte den Wasserkessel zu, drückte den Papierfilter in den weißen Porzellantrichter, schüttete mit einem Schäufelchen Kaffee in den Filter, goß mit kochendem Wasser auf. Seufzend legte sie die am Vortag besorgten Semmeln und Butterkipferln in das Rohr. In ihrem Schädel ein dumpfes Brummen von der durchwachten Nacht. Aus dem Schlafzimmer hörte sie den Wecker piepsen. Hurtig zog sie sich den Bademantel über das weiße, viel zu große T-Shirt, das ihr als Nachthemd diente. Ein leichter Brandgeruch kam aus dem Rohr, sie nahm die an der Oberfläche angebrannten Semmeln und Kipferl aus dem Rohr, kratzte die dunkelbraune Kruste mit einem Messer weg. John war in der Küche erschienen, in Boxershorts und gelbem Leibchen, auf dem „Almdudler“ stand.
„Oh, Frühstück“, stellte er, erfreut die Augenbrauen hochziehend, fest.
Karla schenkte Kaffee in die klobigen Tassen. Sie saßen einander gegenüber und schwiegen. John blickte ihr nicht in die Augen, rührte nur mit dem Löffel laut gegen die Tasse klimpernd in seinem Kaffee, tauchte das Ende des Kipferls ins Marmeladeglas und biß ins sanft knuspernde Gebäck. Die Morgensonne stach durch das Fenster.
„Heiß wird es heute“, flüsterte Karla. Sie versuchte mit ihrem Blick Johns Augen zu erhaschen. Er senkte seinen Kopf zum Teller, auf dem das angebissene Kipferl lag.

„Werd mir ein Taxi nehmen, brauchst nicht mitzufahren.“ John wandte den Blick nicht vom Teller ab.
Karla war enttäuscht, versuchte ihn zu überreden, sie mitfahren zu lassen. John lehnte ab, da er, wie er meinte, Abschiedsszenen hasse. Seufzend erhob sich Karla von ihrem wackeligen Küchenhocker. Den Platz auf der kleinen, gepolsterten Bank hatte sie John überlassen. Sich die Augen reibend ging sie ins Badezimmer. Mißmutig klopfte sie wie jeden Morgen gegen die zwei lockeren azurblauen Fliesen an der Wand, die aus dem glatten, weiß-blauen Gefüge hervorstanden.
John klopfte gegen die Badezimmertüre, er habe es schon ein wenig eilig, brummte er. Als Karla heraustrat, sah sie seinen schwarzen Koffer vor der Schlafzimmertüre stehen. Ein plötzlicher Schmerz. Abschied für immer. Morgen würde er dort in Delhi sein, wohin man ihn für das nächste halbe Jahr gesandt hatte.
Und sie selbst? Was würde sie bloß ohne ihn tun? Ihr Studium der Klassischen Philologie, ihre Teilzeitstelle im Reisebüro, ihre Diplomarbeit. Beschäftigt würde sie sein, ohne Zweifel. Dies würde sie ablenken, ihre Erinnerungen überdecken wie ein Gefüge von Schichten, die sich über sie lagern würden, eine nach der andren, bis die Liebe vergraben und nicht mehr fühlbar sein würde.
Trennungsschmerz, der sich in sie hineinfraß. Würde er schreiben, wenn wie oft und wie lange würde es dauern bis keine Nachricht von ihm mehr komme, dachte sie. Was sie am meisten an ihm gemocht habe, fragte sie sich, sein Haar, seine grünen Augen, den Klang seiner Stimme, sein Lächeln, das stets nur aus einer leichten Bewegung seines rechten Mundwinkels bestand, sein Körper, seine Berührungen?
Mit nassen Haaren und einem Handtuch um seine Hüften geknotet, kam er aus dem Badezimmer, fragte nach seinen Hosen, seinem Hemd. Karla legte die Kleidungsstücke säuberlich zusammengelegt in seine Hände.
„Da, ich hab’s dir gestern noch gewaschen“, flüsterte sie auf Deutsch. Er verstand sie nicht, wollte wissen, warum sie immer irgend etwas in ihrer Sprache murmeln müsse, wo sie doch wisse, daß er kaum etwas verstehe.
„Ihr seid schon irgendwie komisch, ihr Österreicher“, sagte er auf Englisch, schüttelte den Kopf und ging ins Wohnzimmer, um sich anzuziehen.
„In Indien wird’s noch viel komischer“, feixte sie ihm nach. Karla bestellte das Taxi. Er stand bei der Türe, den Griff des Koffers mit seinen Fingern umfassend.
„Soll ich nicht mitfahren? Laß mich doch mitfahren!““
„Ich will das nicht“, wehrte er ab.

Zum Abschied umarmte er sie, strich ihr über die dunkelbraunen Locken, berührte mit den Fingerspitzen ihr schmales Gesicht, fuhr mit dem Zeigefinger sachte über ihre Stupsnase, ihren fülligen Mund. „Leb wohl“, flüsterte er und öffnete die Türe.
Sie blickte ihm nach, wie er zum Aufzug ging. Als er hinter der Gittertüre des Fahrkorbs verschwand, drehte sich Karla um.
Als die Marmeladeflecken, die er auf der Tischplatte hinterlassen hatte, wegwischte, versuchte sie Abschied zu nehmen von einem halben Jahr Glück. Sie, Karla Gruber, war ein halbes Jahr lang verliebt und glücklich gewesen.

Da sich Karla im Reisebüro frei genommen hatte, in der Annahme, sie könne John zum Flughafen begleiten, beschloß sie, den Tag draußen zu verbringen, zu ein paar Plätzen zu fahren, wo sie mit John öfters gewesen war.

Stickig und heiß war die Luft im Bus, obwohl man alle Fenster geöffnet hatte. Die Sonne brannte auf die Stadt herab. Die Allee entlang des Ringes prangte in vollem, sattem Grün. Sie betrat den Volksgarten Menschen saßen im Gras. Karla schlenderte vorbei an den grün gestrichenen Holzsesseln vor den großen Rosenstöcken, ließ sich die Sonne ins Gesicht scheinen. In der Meierei hatten sie manchmal gesessen, als der Frühling hereinbrach, sie und John. Damals wollte sie das genau nach Datum bestimmte Ende nicht wahrhaben, war es doch weit entfernt gewesen. Sie hegte Hoffnungen, daß er doch bleiben würde, obwohl er ihr von Anfang an eröffnet hatte, er müsse nach einem halben Jahr wieder weg aus Wien. Unter den Bäumen der Ringstraße waren sie spaziert. John hatte oft auf die wuchtigen Gesimse der Palais geblickt, auf die von finster blickenden, feisten Atlanten aus Stein getragenen Balkone und Erker, auf die hohen, breiten Fenster mit ihren vielen Verstrebungen, die kräftigen Koren und Amazonen, die gebeugten Nackens Torsimse und wuchtig verzierte Söller auf ihren Schultern trugen. Beim Michaelertor waren sie manchmal gestanden, neben einem der Wandbrunnen, wo kämpfende Riesen mit schmerzverzerrten Gesichtern Wasser speien. John hatte zu der patinagrünen Kuppel des Michaelertores hinaufgesehen. Doch er hatte sich nicht an das pompöse, ernste Antlitz einer einstmals mächtigen Stadt gewöhnen können.

Bei einem Fest im internationalen Studentenklub hatte sie ihn kennengelernt, zu dem sie mit einer Freundin gegangen war. Unter all den Menschen, eine Bierflasche in der Hand, mit Blicken nach Gespräch suchend, war er gestanden. Karla hatte unentwegt zu ihm hingesehen, gewartet bis beider Blicke einander getroffen hatten und Lächeln die Bereitschaft zu einem Kennenlernen bestätigt hatte. Sie hatte die Runde ihrer Freundin verlassen und war zu ihm gegangen. Er sei aus Boston gekommen, hatte er ihr erzählt, daß r niemanden in der ihm fremden Stadt kenne und zum Fest gekommen sei, von dem er in seiner Firma erfahren habe. Es war der Beginn einer Liebe gewesen, einer Liebe, der sie sich vollkommen hingegeben hatte.
Karla ging durch die Gassen, wo sie mit ihm Hand in Hand geschlendert war. Sie schritt durch Durchgänge mit Antiquitätenläden, die so manch Wunderliches in den Auslagen ausstellen, an Allerweltsgeschäften vorbei, die sich wie Fremdkörper in die stuckverbrämten Gemäuer eingenistet hatten.
Sein unstetes Wesen, ein Koffer, den er nie gänzlich ausgepackt hatte, als er bei ihr eingezogen war, seine Rückzüge und Abweisungen, als sie versucht hatte, ihm nahe zu sein, war es wirklich eine Liebe? Hatte er seine Empfindungen manchmal abgewürgt, um sich den Schmerz des Endes einer Liebe auf Zeit zu ersparen, oder war er nicht imstande eines anderen Menschen Nähe zu zu lassen oder gar zu lieben? Waren es die Zwänge der Zeit, das von der Arbeit erzwungene Wechseln der Örtlichkeiten? Für sie war es Liebe, war es für ihn eine bloß eine Liebelei? Karla hatte ihn mehrmals gefragt, ob er so empfinde wie sie. Er war stets ausgewichen, wurde verlegen oder schroff abweisend.
Karla lief den ganzen Tag durch die Stadt, bis die Sonne langsam am Untergehen war. Sie ging zu Fuß bis zu ihrer Wohnung, die Abendluft war schwer und stickig heiß. Es war kein heftiger Trennungsschmerz, der sie im Inneren zu zerreißen drohte, ein dumpfer, schwerer Druck, der auf ihr wie ein großer Stein zu lasten schien, trübe Schwermut.

Wochen vergingen, Karla ging ihrem Tagewerk nach, lernte, arbeitete und schrieb an ihrer Diplomarbeit. Sie dachte unentwegt an John. Wehmütig malte sie sich aus, wie es sein würde, wäre er geblieben. Es kam keine Nachricht von ihm. Karla hatte sich in letzter Zeit nicht wohl gefühlt, ihr war oft übel. Manchmal bekam sie leichte Schwindelanfälle. Schließlich ließ sie sich vom Arzt untersuchen und erfuhr, daß sie ein Kind erwartete. Karla empfand nach einem Moment des Erschrockenseins tiefe innere Freude, es war etwas geblieben von ihrer Liebe, ein neues Leben. Sie schrieb John jeden Tag an seine permanente Emailadresse, die er von überall abrufen konnte. John meldete sich nicht. Als sie eines Abends alleine zu Hause saß, nachdem sie erwartungsvoll den Postkasten geöffnet hatte, der nur bunte Prospekte enthielt, sie wieder ihre elektronische Post abgerufen hatte und plötzlich die Meldung von einem gelöschten Email-Konto kam, wußte sie, daß es von seiner Seite keine Liebe war, er verschwunden war für immer und sie alleine das in ihr wachsende neue Leben würde großziehen müssen. „Wir werden das schon schaffen, wir zwei…“, sagte sie zu sich selbst und strich sacht mit der Hand über ihren Bauch.

 

© C. Timidus 2012

 

Published in: on Mai 2, 2012 at 11:17 am  Schreibe einen Kommentar  

Einkastln

Dea is a so,

dea a so.

Dea is wo?

Na do!

Ah so!

© C. Timidus 2011

Published in: on Mai 5, 2011 at 1:32 pm  Schreibe einen Kommentar  

Ein Fluch – oder Babylon muß sterben

Nein ich spreche ihn nicht mehr aus, den Namen, schon gar nicht schreibe ich ihn auf Papier. Sie haben daraus einen Fluch gemacht, der auf uns nun lasten soll, auf ihr Geheiß. Den Namen einer Frau, die auf dem Rücken eines sich in einen Stier verwandelt habenden Gottes ritt und diesen Gott schließlich liebte, trug dieser Erdteil, in dessen Mitte mein Land liegt. Trug, nicht trägt. Ein Fluch darf nicht mehr Name sein, denn wird er ausgesprochen, zeigt der Fluch unversehens seine Wirkung. Diese Weltgegend hatte einen Namen. Hatte, nicht hat.

So lasse ich den Erdteil namenlos, um nicht jedesmal einen unseligen Fluch über ihn und vor allem über mein Land auszustoßen.

Aus einem Nichts Emporgekommene waren aufgebrochen, um einen Wahn zu verwirklichen. Babylon hatten sie in einem Fiebertraum geglaubt gesehen zu haben und wollten ihn errichten ihren Wahn von Babylon. Dieser in Abständen an Wahnsinn leidende Erdteil hat wieder einmal einen seiner Anfälle, angeordnet von wenigen. Die Schaffung des „besseren Menschen“, der „vollkommenen Gesellschaft“ mit hohem Blutzoll, der doch nur Zerstörung hinterließ, in der Vergangenheit. Und nun soll ein Babylon entstehen unter verordneter Selbstzerstörung. Was den Vorgängern nicht gelungen ist, soll nun endlich vollzogen werden. Von diesen Nomenklaturen der Emporkömmlingen aus dem Nichts. Ein Machwerk wird über die Länder dieses Erdteils gestülpt, ein perfides, hinterlistiges. Man plant nicht selbst abzuschlachten, sondern verhökert das zu zerstörende Gut an die runden, spitzen, schlanken Türme, die derlei nur allzu gern erledigen würden. Nur daß Verwüstetes, Zerstörtes nichts mehr hergeben wird. Daran wird nicht gedacht. Es soll nur der erbärmlichste Tod eines Erdteils vollzogen werden, den die Geschichte je gesehen hat. Im Kollektiv, stand in einer der Postillen zu lesen. Im Kollektiv gegen die Neue Welt, die das dem Wahnträumern nach zu zerstörende Gut schon einmal gerettet hat.

Ach, das Kollektiv, wie sehr sie es doch gerne in den Mund nehmen. Immer gemeinsamer in die Auslöschung. Schlußendlich wäre, so ihr Fluch, Okzident nur mehr der Rumpf der Neuen Welt und damit beinahe zerstört. Auf daß er werde, der Okzident zu Babylon, zu ihrem Babylon als blutgedränkter Wüstenboden aus dem noch ein paar Ruinen ragen.

An den Wurzeln der Völker und ihrer Länder muß ausgerissen werden das Gewachsene, das Eigene, das lieb gewordene Spiegelbild damit entstehe ihr Babylon auf umgewühltem, vergiftetem Boden.

Welch einen Fiebertraum hatten sie? Den von der krätzigen Gossendirne, zu der der Fluch jener aus dem Nichts emporgekommen Horde diese Weltgegend gemacht hat?

„Wir sind…“ Der Fluch. Jeder solle ihn doch ausstoßen diesen zum Fluch gewordenen Namen. Im Kollektiv. „Nehmt ihnen die Kreuze, ihre Länder, ihre Sprachen, ihre Sitten, ihre Gesichter“, kreischen die Wahnfiebernden.

Und sie, die vom Wahnfieber geplagten, treiben sie vor sich her, die Länder, die Völker, die Menschen, vergiften sie nach und nach mit ihrem Machwerk, treiben sie zu den Schlächtern. Der Fluch, lauthals hinausgebrüllt, wer nicht mitbrüllt, wird zum Brüllen gebracht oder… . Nichts scheint sie aufhalten zu können, die vom Wahn Besessenen. Nichts scheint möglich ihren Fluch zu bannen. So denn zur Schlachtbank, wo bereits krumme Säbel gewetzt und geschliffen werden.

Nein, ich werde den zum Fluch gewordenen Namen nicht aussprechen, geschweige denn auf Papier schreiben. Die Namen der Länder, die der anderen Erdteile, aber nicht diesen. Ich möchte nicht Mitschuld tragen am Fluch. So hoffe ich, daß der Fluch gebannt wird, auch wenn diese Hoffnung nur sachte flackert und auszugehen droht. Ich warte, sehe zu und hoffe, daß ihr Fieberwahn Babylon stirbt. Babylon muß sterben!

© C. Timidus 2009

Published in: on Dezember 18, 2009 at 7:13 pm  Schreibe einen Kommentar  

free counters

Published in: on Dezember 12, 2009 at 6:22 pm  Schreibe einen Kommentar  

Wochentag

„Papa kommst du die Burg fertig bauen…“

Peter hörte Davids Stimme aus dem Wohnzimmer rufen. „Gleich…!“

Er schlichtete das soeben abgewaschene Geschirr in den Küchenkasten.

„Papa…“

„Gleich, muß nachher noch die Wäsche aufhängen!“

Peter verzichtete darauf, das Besteck einzeln abzutrocknen, fuhr nur über das Bündel an Gabeln und Messern mit dem Geschirrtuch, legte es mit einer fahrigen Handbewegung in die Bestecklade, ohne zu sortieren, wie er es für gewöhnlich zu tun pflegte.

 

Er fühlte die Kälte der Wohnung durch den Pullover dringen. Er rieb seine Hände gegen die Oberarme als er zum Badezimmer ging, spürte wie die weiche Wolle des dicken Pullovers seine Handflächen erhitzte, seine Arme für einen kurzen Augenblick wärmte.

  (mehr …)

Published in: on März 6, 2009 at 1:00 pm  Schreibe einen Kommentar  

Am Marktplatz

Mit der Schnabelmaske den oberen Teil des Gesichts bedeckt, sitzt er in der Schenke, die direkt am Marktplatz liegt, an seinem bevorzugten Tisch beim Fenster, gießt den letzten Rest Wein aus dem Krug in den Becher. Der verwässerte Wein vermag ihn nicht zu berauschen. Er blickt hinaus, beobachtet die maskentragenden Kostümierten, die einen Tanz zu den Klängen eines Lautenspielers mimen, die Gaukler mit ihren Kunststücken, die Marketender, die ihre Waren ausrufen, die Frauen in einfachen Kleidern, die mit Körben um den Arm gehängt Früchte einem prüfenden Blick unterziehen, mit der Hand durch Drücken feststellen, ob das Angepriesene auch den Versprechungen entspricht. „Die drehen einem so manch faule Frucht an…“, denkt er.
(mehr …)

Published in: on Mai 8, 2008 at 2:03 pm  Schreibe einen Kommentar  
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.