Wochentag

„Papa kommst du die Burg fertig bauen…“

Peter hörte Davids Stimme aus dem Wohnzimmer rufen. „Gleich…!“

Er schlichtete das soeben abgewaschene Geschirr in den Küchenkasten.

„Papa…“

„Gleich, muß nachher noch die Wäsche aufhängen!“

Peter verzichtete darauf, das Besteck einzeln abzutrocknen, fuhr nur über das Bündel an Gabeln und Messern mit dem Geschirrtuch, legte es mit einer fahrigen Handbewegung in die Bestecklade, ohne zu sortieren, wie er es für gewöhnlich zu tun pflegte.

 

Er fühlte die Kälte der Wohnung durch den Pullover dringen. Er rieb seine Hände gegen die Oberarme als er zum Badezimmer ging, spürte wie die weiche Wolle des dicken Pullovers seine Handflächen erhitzte, seine Arme für einen kurzen Augenblick wärmte.

 

Er blies seinen Atem aus den geblähten Wangen, als er die des Morgens gewaschenen Kleidungsstücke und Bettüberzüge in der Badewanne liegen sah. Peter krempelte die Ärmel hinauf, wrang die Wäschestücke aus, nahm die Wäschestücke, hängte sie einzeln auf den in der Wand festgeschraubten Wäscheständer oberhalb der Badewanne.

 

 

„Papa…!“

„Gleich!“

 

Beim Verlassen des Badezimmers strich er über seinen Dreitagebart. Gestern habe sie vor dem Schlafengehen gemeckert, daß er sich gehen ließe. Er öffnete die Tür zum Wohnzimmer, blickte auf David wie er am Boden saß, die Tasten seiner Intendo-Spielkonsole drückte. Seine kleinen Hände lugten aus den Ärmeln der Wattejacke.

 

„Zeig einmal her!“ Er ging in die Hocke, beugte sich zu seinem Sohn hinunter. „Eine Ritterburg…“, sagte er, setzte sich neben ihn auf den Boden.

„Mach den Turm, Papa!“ David ergriff die Hand seines Vaters, ließ sie unversehens wieder los.

„Du bist ganz rauh…!“

„Vom Wäschewaschen…!“

Peter spürte, daß ihm das Sitzen unbequem war und legte sich auf den Boden, ließ sich von David die Konsole in die Hand drücken. Er runzelte die Stirn, ließ sich von seinem Sohn zeigen welche Tasten die Steine in die Höhe, Breite, setzten oder wie er die Größe der Steine einstellen mußte, da er die Funktionen stets vergaß. Seine Fingerkuppen drückten die Tasten, er setzte Stein auf Stein, zeigte David den Sockel des Turms.

„Schau!“

Sein Sohn nahm ihm das Spielzeug aus der Hand, betrachtete den Display.

„Hoch und Spitz, Papa!“

„Gut, hoch und spitz…!“, sagte Peter, besserte die oberste Reihe seines Fundaments aus, als er hörte wie Veronika den Schlüssel in der Wohnungstür drehte.

„Warte, die Mama kommt gerade…“

Er strich David über den Kopf und verließ das Wohnzimmer.

 

Peter blickte Veronika an, in ihrem Mantel, den schwarzen Rauhlederschuhen mit dem schlanken Bleistiftabsätzen, die Auswölbungen ihrer Zehen, die sich mit dem Tragen gebildet hatten. Ihr blondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, was sie früher nie getan hätte.

 

„Und?“

„Was und!“

Peter spürte die Spannung, Veronikas schlechte Laune, fühlte seinen Puls ansteigen, dachte, sich einfach zurückzuziehen, sah wie sie aus der Handtasche das in ein Nylonsackerl gewickelte Packet nahm. Das glatte Plastik des Päckchens auf seiner Hand.

„Da. Mehr hab ich nicht gekriegt!“

Er überlegte was er ihr antworten sollte und beobachtete wie sie die Handtasche auf den Boden fallen ließ, den schwarzen Mantel auszog, ihn über einen Kleiderbügel hängte, glatt strich, die Plastikhülle darüber stülpte, ihn in den Kleiderkasten auf die Stange hängte.

„Diese Kälte…“, Er hörte ihren Grimm in der Stimme als sie ihren roten Anorak anzog, strich ihr eine Strähne aus der Stirn, die sich aus dem Band gelöst hatte.

„Geh bitte, laß das…!“, sagte sie.

 

Sie setzten sich einander gegenüber an den Küchentisch. Peter legte das Päckchen in die Mitte.

Er hörte sie erzählen, daß sie zwei Stunden in der Schlange gestanden sei, diese bis an die Straßenecke gereicht hätte.

„Es geht gar nix mehr, kein Bankomat, kein Auszug… Und übrigens.. ab Jänner hab ich keinen Job mehr! Dabei können wir jetzt schon kein Gas, keinen Strom bezahlen“.

„Na das werden Weihnachten.“

Peter fühlte, wie es ihm die Stimme verschlug.

„Den Schmuck, die Uhren von Opa.. außerdem… die Wohnung gehört uns und bald wird’s wieder besser“, flüsterte er, nachdem er während eines längeren Schweigens nachgedacht hatte, was er antworten sollte. Er sah wie Veronika ihre Augen rieb, beugte sich zu ihr, wollte ihr über die Wange streichen.

„Bitte wasch dich wieder…!“ sagte sie.

„Mit dem kalten Wasser, bei der Kälte…!“, erwiderte er.

 

Peter bemerkte, wie sich ihre Brust heftiger auf und ab zu bewegen begann, sich ihre Augen röteten.

„Ich halt das alles nicht mehr aus!“, hörte er Veronika schreien und kniff die Augen zusammen, als sie mit der Faust auf den Tisch schlug, was sie stets tat, wenn sie sich in einer ausweglosen Lage wähnte. Das Päckchen war durch Veronikas Schlag in ihre Richtung gewandert. Peter wußte, daß es besser war, sie alleine zu lassen.

 

Er stand auf, ging aus der Küche, hob seinen Arm, drehte den Kopf zur Achsel. „Hm!“

Von der Garderobe nahm er den Kleiderhaken mit dem schwarzen Wollmantel, den Veronika abends zuvor mit der Staubhülle versehen hatte. Er nahm ihn aus der Hülle, vom Kleiderhaken, die goldfarbig eingestickten Schriftzeichen auf dem glänzenden Futter blitzten ihm entgegen „Loden Salzburg“. Peter schlüpfte hinein. Er nahm die Strecker aus seinen Schuhen, nahm statt eines Schuhlöffels den Zeigefinger, um sie anzuziehen.

 

„Ich geh einkaufen“, sagte er, als er das Päckchen vom Küchentisch nahm und in seine Lederaktentasche steckte.

„Tu das!“, antwortete Veronika.

 

Er bemerkte, daß sie eine Zigarette auf seinen Platz gelegt hatte.

„Danke!“, flüsterte Peter, als er aus der Küche ging.

„Bin gleich wieder da!“, rief er .

„Dann bauen wir die Burg weiter!“, klang Davids Stimme durch die geschlossene Tür des Wohnzimmers. Peter ließ die Wohnungstür leise einschnappen.

 

Als er im Supermarkt in der Schlange stand, prüfte er die Waren in seinem Einkaufswagen, zwei Sachen, die nicht auf seinem Zettel gestanden hatten. Peter tappte mit dem Fuß gegen den Boden, ließ seine Blicke über die junge Frau, die vor ihm stand gleiten, vernahm Wortfetzen von Geschimpfe und unmutigem Raunen der in der Schlange Stehenden. Er legte die Waren auf das Förderband, als er nach einer Stunde an der Reihe war.

Die Kassiererin raunte ihm einen Betrag zu. Er gab ihr die Packen Geldscheine aus dem Nylonsackerl, hörte das Rauschen der Geldzählmaschine.

„Da föön oba zweihundertausend…“

„Lassen Sie die Weintrauben weg…“, seufzte Peter und räumte die Einkäufe in den Einkaufswagen.

Published in: on März 6, 2009 at 1:00 pm  Hinterlasse einen Kommentar  

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