Am Marktplatz

Mit der Schnabelmaske den oberen Teil des Gesichts bedeckt, sitzt er in der Schenke, die direkt am Marktplatz liegt, an seinem bevorzugten Tisch beim Fenster, gießt den letzten Rest Wein aus dem Krug in den Becher. Der verwässerte Wein vermag ihn nicht zu berauschen. Er blickt hinaus, beobachtet die maskentragenden Kostümierten, die einen Tanz zu den Klängen eines Lautenspielers mimen, die Gaukler mit ihren Kunststücken, die Marketender, die ihre Waren ausrufen, die Frauen in einfachen Kleidern, die mit Körben um den Arm gehängt Früchte einem prüfenden Blick unterziehen, mit der Hand durch Drücken feststellen, ob das Angepriesene auch den Versprechungen entspricht. „Die drehen einem so manch faule Frucht an…“, denkt er.

Ein Trommelwirbel, der die Geräusche der Stimmen und Lautenspiele übertönt. Ausrufer stellen sich auf die Tribüne des Marktplatzes. Ihre Köpfe blicken über die Menge. An ihren Hüten prangt das Wappen des Fürsten. Mit ihren Händen in weißen Handschuhen, rollen sie Pergament auseinander, verlesen eine Ankündigung. Die Tür hat der Wirt weit geöffnet. Kühler Wind bläst in die Wirtsstube.

Nach einem Schluck aus dem Becher, erhebt er sich für einen Augenblick vom Sessel, knöpft seinen um die Schultern gelegten Umhang zu. Unter der Schnabelmaske beginnt es ihn ein wenig zu jucken. Am Marktplatz ist es still geworden. Die Menschen wenden sich zur Tribüne.

Der edle Rat des Fürsten habe beschlossen, über das Geschlecht der de Lipari die Verbannung auszusprechen, ertönen die Stimmen der Ausrufer. „Die nun auch“, flüstert er zu sich selbst. Die Spitze der Schnabelmaske stößt gegen die Scheibe, als er den Kopf nah zum Fenster bewegt. Die Ausrufer verlassen die Tribüne.

Fünf Gestalten, deren Kleidung zerfetzt an ihren Körpern hängt, werden von Wächtern durch Lanzenstöße auf die Tribüne geführt. An den Händen durch Seile gefesselt. Eine Frau, ein Mann, zwei Knaben, ein Mädchen. Hinter ihnen die Wächter. Das kleine Mädchen zittert in seinem Weinen.

„Schlechtes Geblüt!“, brüllt eine Männerstimme. „Geschieht ihnen recht!“, ruft eine Frau. „Schandmäuler!“, schreit ein anderer. Die Kostümierten mit den Masken verlassen nach und nach den Marktplatz. Ein Mann greift in einen Abfallkorb, nimmt eine faule Frucht, wirft sie in Richtung der Tribüne. Andere nehmen Abfall aus den Körben der Marketender, um es ihm gleich zu tun. Mit starren Gesichtern stehen die Wächter hinter den fünf Gefesselten. Die Frau hebt ihren Kopf, als der erste Unrat sie trifft.

„Es sorgt keiner mehr für Ordnung!“, denkt er. Das Jucken unter seiner Schnabelmaske hat aufgehört. Zwei Männer beginnen eine Rauferei. Er nimmt seine Maske ab, fingert aus dem an seiner Hose baumelnden Lederbeutel Kupfermünzen, legt sie auf den Tisch. Er ruft den Wirt, der lachend an der offenen Tür steht.

„Euer Hochwohlgeboren verlassen unsere Schenke schon..“

Er nickt, bittet den Hinterausgang benützen zu dürfen. „Lassen Sie eine Kutsche kommen!“, sagt er.

„Sehr wohl!“ Der Wirt ruft seinen Gehilfen. „Hol eine Kutsche für den Herrn Grafen!“ Der Wirt geleitet ihn durch die Wirtsstube zum hinteren Ausgang, der in eine dunkle Gasse führt.

Es fällt ihm ein, daß er seine Maske am Tisch vergessen hat. Auf dem Landsitz seines Bruders werde er Ruhe haben, denkt er. „Hier wird es unerträglich!“ murmelt er, als er die Kutsche kommen sieht.

Published in: on Mai 8, 2008 at 2:03 pm  Hinterlasse einen Kommentar  

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