Erinnerung

So schneidig hatte er ausgesehen in seiner Uniform. Auf Helgas Schoß lag die kleine Holzkiste. Sie hatte den mit Schnitzereien, Edelweiß, Enzian, Almrausch, versehenen Deckel geöffnet. An der Vorderseite war „Graz –Steiermark“ eingekerbt. Sie nahm das oben auf liegende Foto ihn ihre Hand, das er ihr damals mit seinem ersten Brief geschickt hatte. Jonnathan.

Sachte berührten ihre Fingerspitzen ein Foto nach dem anderen. Helga betrachtete jedes einzelne eine Weile. Seine Briefe, es waren nur wenige, ihren Inhalt kannte sie. Sie blickte nur auf die Stempel, Aviano oder Pordenone, je nachdem ob er als Pilot der US-Air Force in der Luftbasis Aviano im Dienst gewesen war oder gerade frei gehabt hatte.

Die am Draht herunter hängende Glühbirne warf ihr fahles Licht auf Helgas Erinnerungen. Das Bild, sie mit ihm in Grado, wo sie ihm das erste Mal begegnet war.

Sie befühlte mit den Fingerspitzen den Lack der Holzkiste, die er, als er zu ihr nach Graz gereist war erworben haate, aus einem Andenkenladen in der Stempfergasse. Das Geschnitzte sei „so very cute“, hatte er gemeint. Die Zettel mit den von ihm hingekritzelten Gestalten, Comicfiguren mit riesigen Nasen und übergroßen, verdrehten Augen. Das kleine Zimmer der Pension in der Münzgrabenstraße, weil sie damals noch bei den Eltern außerhalb der Stadt gelebt hatte, die gegen die Scheibe klatschenden Regentropfen, die Muster des herunterrinnende Wassers auf dem Fensterglas. Das Bett, in dem sie gelegen waren, Jonnathan, der sie mit dem Ellbogen gestupst, ihr die Blätter Papier mit den Figuren vors Gesicht gehalten hatte. Helga hörte ihr eigenes Lachen aus der Erinnerung. Nichts mehr hatte sie seit jenem Tag von ihm gehört, obwohl sie ihm oft geschrieben hatte bis ein Brief zurück an den Absender gekommen war.

„Mama, komm schau..!“ Johannas Stimme drang von unten durch den offenen Spalt der Türe. Helga legte die Fotografien, die Zettel, die Briefumschläge zurück in die kleine Holzkiste, die sie wieder hinter die mit Haushaltsartikel gefüllten Kartons stellte. Sie drehte das Licht ab, ging die Stiegen hinunter.

„Hast du geweint Mama?“, fragte Johanna, blickte ihre Mutter mit ernsten Augen an, ihre Lieblingspuppe in der Hand. „Nein, am Dachboden ist so viel Staub, der in den Augen brennt, weißt Du…“

Published in: on März 14, 2008 at 1:56 pm  Hinterlasse einen Kommentar  

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