Dea is a so,
dea a so.
Dea is wo?
Na do!
Ah so!
© C. Timidus 2011
Nein ich spreche ihn nicht mehr aus, den Namen, schon gar nicht schreibe ich ihn auf Papier. Sie haben daraus einen Fluch gemacht, der auf uns nun lasten soll, auf ihr Geheiß. Den Namen einer Frau, die auf dem Rücken eines sich in einen Stier verwandelt habenden Gottes ritt und diesen Gott schließlich liebte, trug dieser Erdteil, in dessen Mitte mein Land liegt. Trug, nicht trägt. Ein Fluch darf nicht mehr Name sein, denn wird er ausgesprochen, zeigt der Fluch unversehens seine Wirkung. Diese Weltgegend hatte einen Namen. Hatte, nicht hat.
So lasse ich den Erdteil namenlos, um nicht jedesmal einen unseligen Fluch über ihn und vor allem über mein Land auszustoßen.
Aus einem Nichts Emporgekommene waren aufgebrochen, um einen Wahn zu verwirklichen. Babylon hatten sie in einem Fiebertraum geglaubt gesehen zu haben und wollten ihn errichten ihren Wahn von Babylon. Dieser in Abständen an Wahnsinn leidende Erdteil hat wieder einmal einen seiner Anfälle, angeordnet von wenigen. Die Schaffung des „besseren Menschen“, der „vollkommenen Gesellschaft“ mit hohem Blutzoll, der doch nur Zerstörung hinterließ, in der Vergangenheit. Und nun soll ein Babylon entstehen unter verordneter Selbstzerstörung. Was den Vorgängern nicht gelungen ist, soll nun endlich vollzogen werden. Von diesen Nomenklaturen der Emporkömmlingen aus dem Nichts. Ein Machwerk wird über die Länder dieses Erdteils gestülpt, ein perfides, hinterlistiges. Man plant nicht selbst abzuschlachten, sondern verhökert das zu zerstörende Gut an die runden, spitzen, schlanken Türme, die derlei nur allzu gern erledigen würden. Nur daß Verwüstetes, Zerstörtes nichts mehr hergeben wird. Daran wird nicht gedacht. Es soll nur der erbärmlichste Tod eines Erdteils vollzogen werden, den die Geschichte je gesehen hat. Im Kollektiv, stand in einer der Postillen zu lesen. Im Kollektiv gegen die Neue Welt, die das dem Wahnträumern nach zu zerstörende Gut schon einmal gerettet hat.
Ach, das Kollektiv, wie sehr sie es doch gerne in den Mund nehmen. Immer gemeinsamer in die Auslöschung. Schlußendlich wäre, so ihr Fluch, Okzident nur mehr der Rumpf der Neuen Welt und damit beinahe zerstört. Auf daß er werde, der Okzident zu Babylon, zu ihrem Babylon als blutgedränkter Wüstenboden aus dem noch ein paar Ruinen ragen.
An den Wurzeln der Völker und ihrer Länder muß ausgerissen werden das Gewachsene, das Eigene, das lieb gewordene Spiegelbild damit entstehe ihr Babylon auf umgewühltem, vergiftetem Boden.
Welch einen Fiebertraum hatten sie? Den von der krätzigen Gossendirne, zu der der Fluch jener aus dem Nichts emporgekommen Horde diese Weltgegend gemacht hat?
„Wir sind…“ Der Fluch. Jeder solle ihn doch ausstoßen diesen zum Fluch gewordenen Namen. Im Kollektiv. „Nehmt ihnen die Kreuze, ihre Länder, ihre Sprachen, ihre Sitten, ihre Gesichter“, kreischen die Wahnfiebernden.
Und sie, die vom Wahnfieber geplagten, treiben sie vor sich her, die Länder, die Völker, die Menschen, vergiften sie nach und nach mit ihrem Machwerk, treiben sie zu den Schlächtern. Der Fluch, lauthals hinausgebrüllt, wer nicht mitbrüllt, wird zum Brüllen gebracht oder… . Nichts scheint sie aufhalten zu können, die vom Wahn Besessenen. Nichts scheint möglich ihren Fluch zu bannen. So denn zur Schlachtbank, wo bereits krumme Säbel gewetzt und geschliffen werden.
Nein, ich werde den zum Fluch gewordenen Namen nicht aussprechen, geschweige denn auf Papier schreiben. Die Namen der Länder, die der anderen Erdteile, aber nicht diesen. Ich möchte nicht Mitschuld tragen am Fluch. So hoffe ich, daß der Fluch gebannt wird, auch wenn diese Hoffnung nur sachte flackert und auszugehen droht. Ich warte, sehe zu und hoffe, daß ihr Fieberwahn Babylon stirbt. Babylon muß sterben!
© C. Timidus 2009
„Papa kommst du die Burg fertig bauen…“
Peter hörte Davids Stimme aus dem Wohnzimmer rufen. „Gleich…!“
Er schlichtete das soeben abgewaschene Geschirr in den Küchenkasten.
„Papa…“
„Gleich, muß nachher noch die Wäsche aufhängen!“
Peter verzichtete darauf, das Besteck einzeln abzutrocknen, fuhr nur über das Bündel an Gabeln und Messern mit dem Geschirrtuch, legte es mit einer fahrigen Handbewegung in die Bestecklade, ohne zu sortieren, wie er es für gewöhnlich zu tun pflegte.
Er fühlte die Kälte der Wohnung durch den Pullover dringen. Er rieb seine Hände gegen die Oberarme als er zum Badezimmer ging, spürte wie die weiche Wolle des dicken Pullovers seine Handflächen erhitzte, seine Arme für einen kurzen Augenblick wärmte.
Mit der Schnabelmaske den oberen Teil des Gesichts bedeckt, sitzt er in der Schenke, die direkt am Marktplatz liegt, an seinem bevorzugten Tisch beim Fenster, gießt den letzten Rest Wein aus dem Krug in den Becher. Der verwässerte Wein vermag ihn nicht zu berauschen. Er blickt hinaus, beobachtet die maskentragenden Kostümierten, die einen Tanz zu den Klängen eines Lautenspielers mimen, die Gaukler mit ihren Kunststücken, die Marketender, die ihre Waren ausrufen, die Frauen in einfachen Kleidern, die mit Körben um den Arm gehängt Früchte einem prüfenden Blick unterziehen, mit der Hand durch Drücken feststellen, ob das Angepriesene auch den Versprechungen entspricht. „Die drehen einem so manch faule Frucht an…“, denkt er.
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„Mama, kannst du dir nicht wenigstens ein Tuch umbinden?“, sagte Heinz.
„Du sollst mich nicht Mama nennen, sondern Ona, wie oft soll ich dir das noch sagen… Und zieh dich doch auch aus, das ist gesund…“
Heinz betrachtete den nackten, dürren Körper seiner Mutter, die über den Herd gebeugt stand. Ihre schmale Hand nahm den Kochlöffel. Sie rührte im Topf, wo Gemüse in Salzwasser vor sich hin köchelte, strich eine Strähne, ihrer langen, grauen Haare hinters Ohr. Heinz trat nach dem Verlassen der Küche mit einem heftigen Tritt gegen Mauer, wodurch eine kleine Einkerbung im Verputz entstand und Kalkanstrich zu Boden rieselte. Er schlug mit der Faust gegen den Türstock.
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„Ob es wohl reichen wird?“, denkt sich so mancher, der den Boden der Stadt Salzburg betritt und die ersten Preisschilder wahrnimmt. Salzburg verlange, so der erste Eindruck, gut gepolsterte Kontostände und volle Geldbörsen. Wiewohl der erste Blick eher auf Bescheidenheit schließen läßt. Doch kehrt einen die Stadt anfangs nur ihren Rücken zu. Sie dreht sich schneller um, als man glauben mag und zeigt ihre Figur, ihr Gesicht, sowie ihren Schmuck. Den trägt sie vor allem für all die, die sie zu Besuch empfängt, bewundert ihn aber auch gern an ihrem Spiegelbild.
So schneidig hatte er ausgesehen in seiner Uniform. Auf Helgas Schoß lag die kleine Holzkiste. Sie hatte den mit Schnitzereien, Edelweiß, Enzian, Almrausch, versehenen Deckel geöffnet. An der Vorderseite war „Graz –Steiermark“ eingekerbt. Sie nahm das oben auf liegende Foto ihn ihre Hand, das er ihr damals mit seinem ersten Brief geschickt hatte. Jonnathan.
Sachte berührten ihre Fingerspitzen ein Foto nach dem anderen. Helga betrachtete jedes einzelne eine Weile. Seine Briefe, es waren nur wenige, ihren Inhalt kannte sie. Sie blickte nur auf die Stempel, Aviano oder Pordenone, je nachdem ob er als Pilot der US-Air Force in der Luftbasis Aviano im Dienst gewesen war oder gerade frei gehabt hatte.
Die am Draht herunter hängende Glühbirne warf ihr fahles Licht auf Helgas Erinnerungen. Das Bild, sie mit ihm in Grado, wo sie ihm das erste Mal begegnet war.
Sie befühlte mit den Fingerspitzen den Lack der Holzkiste, die er, als er zu ihr nach Graz gereist war erworben haate, aus einem Andenkenladen in der Stempfergasse. Das Geschnitzte sei „so very cute“, hatte er gemeint. Die Zettel mit den von ihm hingekritzelten Gestalten, Comicfiguren mit riesigen Nasen und übergroßen, verdrehten Augen. Das kleine Zimmer der Pension in der Münzgrabenstraße, weil sie damals noch bei den Eltern außerhalb der Stadt gelebt hatte, die gegen die Scheibe klatschenden Regentropfen, die Muster des herunterrinnende Wassers auf dem Fensterglas. Das Bett, in dem sie gelegen waren, Jonnathan, der sie mit dem Ellbogen gestupst, ihr die Blätter Papier mit den Figuren vors Gesicht gehalten hatte. Helga hörte ihr eigenes Lachen aus der Erinnerung. Nichts mehr hatte sie seit jenem Tag von ihm gehört, obwohl sie ihm oft geschrieben hatte bis ein Brief zurück an den Absender gekommen war.
„Mama, komm schau..!“ Johannas Stimme drang von unten durch den offenen Spalt der Türe. Helga legte die Fotografien, die Zettel, die Briefumschläge zurück in die kleine Holzkiste, die sie wieder hinter die mit Haushaltsartikel gefüllten Kartons stellte. Sie drehte das Licht ab, ging die Stiegen hinunter.
„Hast du geweint Mama?“, fragte Johanna, blickte ihre Mutter mit ernsten Augen an, ihre Lieblingspuppe in der Hand. „Nein, am Dachboden ist so viel Staub, der in den Augen brennt, weißt Du…“
Betreten sind stets die Gesichter, deren Augen einen sich in Liebesschmerz windenden Menschen zusehen müssen. Die Natur jener Art Schmerz ist, daß er sich nicht betäuben läßt, gleichgültig welches Mittel man anzuwenden versucht.
Es wird allerdings von einer „Island of Oblivion“ erzählt, einer Insel des Vergessens, die von Betroffenen aufgesucht werden könne. Das Klima sei mild, stets wehe lauer Wind, sanfter Geruch nach Ozean durchziehe die Gassen der Hafenstadt, der einzigen Ansiedlung der Insel. Man wandere durch Gärten, luftige, breite Alleen, helle Gassen und Straßen mit weiß getünchten Häusern. Der Pulsschlag der Insel sei gemächlich, heißt es, Eile kenne man nicht, Zeitmesser suche man vergeblich.
Das Pflanzenkleid, das die Insel bedecke, sei satt grün, wird erzählt. An einigen Plätzen trage der Wind den Duft der Blüten.
Komme der Betroffene im Hafen nach langer, ausgesprochen beschwerlicher Reise an, wird berichtet, solle er das Kurhaus aufsuchen, um vom Brunnen Heilwasser zu trinken, soviel davon wie sein Bauch aufzunehmen imstande sei. Anschließend solle der Betroffene sich zur Ruhe betten, jeder Ankömmling bekomme ein gut durchlüftetes, helles Zimmer.
Gehe man die lange Hauptallee der Hafenstadt entlang, heißt es, stoße man zu einem weitläufigen Gebäude, unter dessen Arkaden mehrere Portale zu finden seien. Durch das dritte müsse man eintreten, über die weiße Marmortreppe in das erste Stockwerk hinaufsteigen, eines der Zimmer betreten. Dort warte, wird erzählt, jemand, der den Schmerz des Betroffenen in allen Einzelheiten aufschreibe. Die Urkunde würde dem Betroffenen zur Durchsicht vorgelegt, bevor er um eine Unterschrift gebeten werde. Bereits beim Verlassen des Gebäudes sei der Schmerz verschwunden, vergessen, alles damit in Zusammenhang Stehende nur ein Papier unter unzähligen Schmerzensurkunden, die Staub ansetzen. So manche, wird berichtet, kämen immer wieder auf jene Insel zu Besuch…
Ute öffnete die Packung Soda, hielt den Naturschwamm unter den Wasserstrahl, der aus dem Hahn der Badewanne floß. Sie schüttete ein Häuflein des weißen Pulvers auf den Schwamm, drehte den Hahn ab, begann das Innere Badewanne mit heftigen Bewegungen auszureiben. Die Schmutzkruste war hartnäckig. Ute drückte den Schwamm fester gegen das gelblich gewordene Email, drehte die Brause auf, schwemmte die Wanne aus. Spuren der Kruste waren noch zu sehen. „Es genügt schon!“, dachte Ute.